Prävention von Extremismus und Radikalisierung in der Schweiz

SIFG Fachtagung, Prävention von Extremismus und Radikalisierung in der Schweiz,
Mittwoch, 20. September 2017, Glockenhaus, Sihlstrasse 33, Zürich

Anwesend waren knapp 100 Teilnehmende aus den Bereichen Polizei, Schule, Jugendarbeit, Kinderschutz und aus der Verwaltung. Nicoletta della Valle, Direktorin Bundesamt für Polizei fedpol, war leider wegen der aktuellen Bundesratswahlen nicht vor Ort. Lothar Janssen verlas jedoch eine Grussbotschaft: Della Valle dankte der SIFG für deren Beitrag bezüglich der Sicherheit in der Schweiz und vor allem für deren Vernetzungskompetenz. Diese umriss sie mit einem Beispiel eines von der IS-Ideologie infizierten jungen Mannes aus der Schweiz, für den es nach seiner Rückkehr aus dem syrischen Kriegsgebiet keine Beratungsangebot in der Schweiz gebe.

Daniele Lenzo, Leiter Fachstelle für Gewaltprävention und Intervention Stadt Zürich, stellte in seinem Referat vor allem Leitfäden und Hilfsmittel für Schulen und deren Prävention bezüglich Radikalisierung vor. Das Stichwort sei ‚universelle Prävention‘, er wies auf das Ra-Prof (Radicalisation Profiling) hin und vertieftere, neue Varianten davon. Diverse Leitfäden für Lehrpersonen sind neu aufgelegt und auch ein Web-Crawling (Kommunikationsverbindungen basierend auf Open-Source-Informationen) kann angewendet werden. Lenzo erwähnte auch das 5-Säulen Modell nach H.G. Petzold, das schwache Lebenssäulen identifiziert und daraus Hilfestellungen ableitet.

Dirk Baier und Patrik Manzoni, Dozenten an der ZHAW Institut Delinquenz und Kriminalprävention, stellten die laufende Befragung zu extremistischen Einstellungen und Verhaltensweisen bei Jugendlichen vor. Ein Grossprojekt, das gegen 10‘000 17-jährige Jugendliche aus allen Schulformen und aus möglichst allen Kantonen zu ihren Einstellungen bezüglich Rechtsextremismus, Linksextremismus und islamischer Extremismus befragt und daraus mögliche Gewaltbereitschaft ableitet. Zudem soll die Befragung nicht nur Erkenntnisse zur Verbreitung extremistischer Orientierungen und Verhaltensweisen unter Jugendlichen liefern, sondern auch erstmals erlauben, die Einflussfaktoren Extremismus übergreifend zu untersuchen. Mit gut durchdachten Kombinationen von einfachen Fragestellungen (Beispiele: „Nutzt das kapitalistisches System in der Schweiz die Armen in anderen Ländern aus?“ „Gehört die Schweiz den Schweizern?“ „Verrät moderner Islamismus den wahren Islamismus?“) werden mögliche Verhaltensweisen herauskristallisiert. Das Projekt wird aktuell von nicht allen kantonalen Bildungsämtern unterstützt, weshalb bisher nur 4600 Befragungen durchgeführt werden konnten. Erste Ergebnisse: In der Schweiz sind linksextreme Tendenzen am häufigsten mit starker Kapitalismuskritik. Als extrem wurden bisher 7,7 Prozent der Befragten eingestuft, beim Rechtsextremismus sind es bisher 4,4 Prozent und beim islamistischen Extremismus knapp 2 Prozent.

Laurent Luks, Islamwissenschafter und Werbefachmann, zeigte auf, wie geschickt der Islamische Staat (IS) die westliche Werbung kopiert. Erfolgsversprechenden Faktoren wie die Personalisierung werden konsequent angewandt. Parallel dazu spielt die zunehmende Schwäche der hiesigen Medien der IS-Propaganda in die Hände, weil die sozialen Medien den Informationszugang demokratisiert haben, weil neu nicht mehr die Journalisten die Expertenschwerpunkte setzen und weil Newswerte wie Skandalisierung noch viel wichtiger geworden sind. Inhaltlich hat der IS zudem mit dem Kalifat erstmals eine kommunikative Gut-Böse-Ausrichtung, ein anzustrebendes Ziel, was wiederum die Werbung und Kommunikation einfacher und entsprechend erfolgreicher macht. Umgekehrt fällt es der westlichen Welt immer schwerer, ihre gesellschaftlichen Vorzüge den am System zweifelnden Jugendlichen näherzubringen. Luks nannte als Gegenmassnahmen beispielsweise vermehrte kommunikative Auswertung von Positivbeispielen (erfolgreiche Ausländer in der Schweizer Fussball-Nationalmannschaft), vermehrter Thematisierung der aufgeklärten westlichen Welt in den Schulen oder der vermehrten Sichtbarmachung unserer Wissenschaftler in der Öffentlichkeit.

Dr. Miryam Eser Davolio, Dozentin Soziale Arbeit an der ZHAW Zürich, konstatierte auch, dass die Schweiz sich schwer tue bezüglich eines durchdachten und abgestimmten Umgangs mit radikalisierten und gewaltbereiten IS-Extremisten. Sie zeigte dies, indem sie die Narrative des Islamischen Staates (IS) in Text und Bild vorstellte. Ein Bild zur Illustration beeindruckte besonders: Eine Gruppe junger IS-Kämpfer im Kampfgebiet an einer reich gedeckten Tafel, lachend und die Zeigefinger gegen den Himmel gerichtet. Botschaft: Wir sind eine Gemeinschaft, für unser leibliches Wohl ist trotz Kampf gesorgt, wir kämpfen für den Himmel. Insofern sei es in unseren Breiten sehr schwierig, gegen diese einfache Bildsprache mit Gegeninhalten anzukämpfen. Eser Davolio konstatierte die oft fehlende Bereitschaft in Schweizer Schulen, sich überhaupt mit dem heiklen Thema des IS auseinanderzusetzen – obwohl dieses viele Jugendliche beschäftigt. Denn als Gegenwaffe gibt es nur komplexe, der Aufklärung verpflichtete Diskussionen. Ein Blick über die Grenzen zeigt mögliche Gegenmassnahmen: Gegennarrative wie beispielsweise entlarvende Statements von IS-Rückkehrern auf sozialen Medien oder offene Briefe von islamistischen Geistlichen gegen den Hass-Islam des IS werden dort seit längerem angewendet und gefördert.

Silvia Kocabiyikyan, Mitarbeiterin bei der Bundesanwaltschaft, Bachelor in Politikwissenschaften und Masterstudium Islamwissenschaften, umriss ebenfalls die fehlende diesbezügliche Konzeption in der Schweiz, nachdem sie die Geschichte und heutige Motivation von radikalisierten religiös-islamistischen Frauen aufgezeigt hatte. In Frankreich, Deutschland oder Dänemark seien interdisziplinäre, kreative Deradikalisierungsprogramme am Laufen. Dort werden Angehörige miteinbezogen, ein Fokus wird auf Gefängnisse gelegt, Jugendliche selbst werben unter Ihresgleichen für mehr Toleranz oder der Einsatz von ‚Spähern‘ aus allen relevanten Berufsgruppen, welche mit möglichen gefährdeten Jugendlichen arbeiteten. In der Schweiz jedoch würden die vereinzelten Beratungsstellen noch weitgehend isoliert arbeiten. Kocabiyikyan untermauerte dies, indem sie eindrücklich die Radikalisierung von jungen Frauen umriss, welche im Gegensatz zu Männern still und wenig auffallend ablaufe. Zentral dabei seien die Stellung der Familien, die Religion als Orientierungshilfe, die mögliche Liebe zu männlichen IS-Kämpfern und die hohe Manipulierungsanfälligkeit. Als Gegenmassnahmen forderte Kocabiyikyan härtere und auch sinnvollere Strafen wie beispielsweise Sozialeinsätze in katholischen Kirchen. Abzuwarten bleibe jedoch der auf diesen Herbst angekündigte Nationale Aktionsplan zur Bekämpfung von Radikalisierung und gewalttätigem Extremismus.

Katja Iseli, Psychologin Competentium Basel, und Michael Weigand, Fanprojekt Mönchengladbach, zeigten die extremistischen Entwicklungen von radikalisierten Fussballfans, von Ultras und Hooligans. Mühlenbeck definierte die Ultras als Fussballfans aus allen gesellschaftlichen Schichten, mit keiner klaren politischen Ausrichtung und – im Gegensatz zu den Hooligans – als nur teilweise gewaltbereit. Deren Ausrichtung sei stets der eigene Fussballclub und intern seien Ultras sehr patriarchalisch-hierarchisch strukturiert. Zudem wies er auf gute Erfolge bezüglich der Gewaltminderung in den deutschen Stadien hin, indem die Ultras von diversen Clubs aufwändig in die bestehenden Strukturen eingebunden würden. Iseli zeigte am Beispiel des FC Basel, dass nur eine Minderheit von 5 Prozent der Fans hartnäckige und gravierende Verhaltensprobleme in den Stadien zeige. Die Gefahr von Gewaltexzessen bei Fussballspielen sei jedoch in der Schweiz nach wie vor hoch, da auch der Schweizer Fussballverband das Thema keineswegs proaktiv anpacke.

André Wymann, Fachspezialist für zielgerichtete, schwere Gewalt Stadtpolizei Zürich, schliesslich führte aus, dass jeder Betrieb ein Bedrohungsmanagement bezüglich eines möglichen Amoklaufs aufziehen sollte. Er beschrieb kurz die gravierendsten der elf grösseren Amokläufe in der Schweiz zwischen 1986 und 2017. Das Bedrohungsmanagement müsse sich insbesondere darauf ausrichten, dass Amokläufer in einem ‚Jagdmodus‘ seien, in dem sie absolut determiniert sind und sich durch Gespräche nie von ihren Tötungsabsichten abhalten liessen. So müssten Alarmierungen über Lautsprecher klar gesprochen werden, Verbarrikadierungen in Gebäuden müssten gut durchführbar sein oder Betroffene müssten wissen, dass sie das Gebäude nie verlassen sollten. Als Erkennung von möglichen Amokläufern müssten zudem in Betrieben eine Ansprechperson definiert sein, welche mögliche Einzelhinweise sammle und auswerte. Denn: Alle Amokläufer haben im Vorfeld ihrer Taten Hinweise darauf gegeben.

i.A. Schweizer Zentrum für Gewaltfragen, Andreas Leisi, 21. September 2017

 

 

 

 

 

Fachtagung Prävention von Extremismus und Radikalisierung in der Schweiz

 

Im Zentrum der SIFG-Fachtagung vom 20. September stehen bewusst aktuelle Entwicklungen in der Schweiz. Der Nationale Aktionsplan zur Bekämpfung von Radikalisierung und gewalttätigem Extremismus (NAP), in dem, so der VBS im September 2016 in einer offiziellen Mitteilung, nun in der zweiten Hälfte dieses Jahres Massnahmen erarbeitet und umgesetzt werden, kommt in die heisse Phase. Ein guter Zeitpunkt, vor diesem Hintergrund ein Blick auf die neuesten Forschungserkenntnisse zu Extremismus und Radikalisierung aus Praxis und Wissenschaft zu werfen und Massnahmen zu präsentieren, die für die hiesige Präventionsarbeit daraus abgeleitet werden können. 

Programm

 

 

Prävention in der Stadt Zürich
Daniele Lenzo

• Vorstellen verschiedener Apps und Broschüren

• Einschätzungsmöglichkeiten

• Leitfaden Deradikalismus

• Ausblick: Was kommt noch auf uns zu?

 

Forschung zu extremistischen Einstellungen
Dr. Dirk Baier/ Dr. Patrik Manzoni

• Vorstellung der Studie

• Erste Ergebnisse

• Mögliche Folgerungen für die Praxis

 

Dabiq: Die Rolle der Medien
Laurent Luks

• Attraktivität für Jugendliche und Erwachsene

• Was können wir vom IS lernen?

• Prävention religiöser Radikalisierung von Jugendlichen

 

Narrative und Gegennarrative als hilfreiche Prävention
Dr. Miryam Eser Davolio

• Stand der Forschung

• Gibt es Gegennarrative, wie entwickeln sie sich?

• Gibt es Unterschiede bei Gegennarrativen von Rechts oder bei Salafisten?

• Umsetzungsmöglichkeiten in der Praxis

 

Die Rolle von Mädchen und Frauen beim IS
Silvia Kocabiyikyan

• Stand der Dinge

• Umgang mit Heimkehrerinnen

• Strafe oder Prävention?

• Welche Präventionsmöglichkeiten gibt es?

 

Ultras: Tendenzen und Prävention
Dr. Katja Iseli / Sven Mühlenbeck

• Unterschiede zwischen Hooligans und Ultras

• Wie sieht es in der Schweiz und in Deutschland aus? Zahlen und Fakten

• Politische Ausrichtungen

• Projekte und Tendenzen im Vorfeld der WM 2018

 

Amok: Bedrohungsmanagement und Prävention aus der Sicht der Polizei
André Wymann

• Beobachtungen aus der Praxis heraus

• Ableitungen für den beruflichen Alltag

• Gibt es Möglichkeiten der Prävention in diesem Bereich?

 

Anmeldung

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